Migration ist eine Thematik, die mich nicht erst seit der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 beschäftigt. In den Medien wird oft ein Bild gezeichnet, dass uns suggeriert, vor diesem Zeitpunkt hätte es dieses „Phänomen“ nie gegeben.

So lief an einem wundervollen sonnigen Abend im Mai eine ältere Dame in meine Komposition. Die Inspiration für dieses Bild war das einzigartige Lichtspiel dieser urbanen Baumallee in der oberfränkischen Stadt Hof. Zuvor hatte ich schon öfters an diesem Ort geweilt und auf den richtigen Moment mit dem passenden Licht gewartet. Es ist die größte Herausforderung bei der Straßenfotografie, alle Faktoren im Bild in Einklang zu bringen.

Als ich nach der Erstellung der Aufnahme aus der knieenden Position aufstand, blieb die alte Dame neben mir stehen und sprach mich an. Sie war sich wohl bewusst, Teil meiner Aufnahme geworden zu sein. Im Gespräch erzählte sie mir dann voller Freude, dass sie jeden Tag einen kleinen Spaziergang auf der schönen Stadtallee macht. Nur fällt ihr dies von Jahr zu Jahr schwerer, da sie altersbedingt zunehmend Beschwerden beim Gehen hat. Doch an diesem Tag hat sie das sonnige Wetter motiviert, sich trotz der Schmerzen aufzuraffen, um ein paar Schritte zu laufen.

Sie berichtete mir vom zeitlichen Wandel und ihrer innigen Beziehung zu dem Viertel, indem sie seit vielen Jahren lebt. Sie pflegt enge Kontakte zu den Bewohnern, hat viele Freunde und auch Verwandte, die oft nach ihr schauen. Sie hat ein Leben lang hart gearbeitet, wofür nun ihre körperlichen Beschwerden ihren leidigen Tribut zollen. Aber sie ist glücklich und freut sich über jeden Tag, den sie gut verleben kann.

Sie spricht fließend deutsch, hat ihren Anteil am wirtschaftlichen Erfolg des Landes, respektiert die Gesetze und verbringt ihren Lebensabend in einer mittelgroßen deutschen Stadt. All das sind Attribute eines Bürgers, die aktuell im Zuge der Flüchtlingskrise in Deutschland und Europa heftig diskutiert werden. Vor allem das Wort Integration taucht dabei fast in jeder Meldung oder Debatte auf. Wir tun so, als wären all das neue Probleme und niemand, der neu zu uns kommt, wäre integrationswillig oder würde die deutschen Gesetze in vollem Umfang akzeptieren. Das ist eine reine Pauschalisierung und Polemik. Zahlreiche Beispiele in der deutschen Geschichte haben gezeigt, wohin derartig radikale Positionen auf Dauer führen – ins Verderben.

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Auf meine Frage hin, erzählte mir die alte Dame, dass sie vor 33 Jahren mit ihrem Mann nach Deutschland kam. Sie wurde offiziell von der damaligen deutschen Regierung als Gastarbeiterin „Willkommen“ geheißen. Sie lebte sich schnell ein, fand sofort eine Arbeit, bekam Kinder und schuf somit eine Perspektive für ihre Familie. Zu jener Zeit fand sie sich das erste Mal „angekommen“ in ihrem noch jungen Leben, was sie letztlich motiviert hat, ihren Teil zu leisten. Und all das war vor 33 Jahren. Heute tun wir so, als wäre all dies eine völlig neue Sache. Zuwanderung war schon immer ein Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte und hat den weltweiten wirtschaftlichen Erfolg der Bundesrepublik maßgeblich bestimmt. Am Beispiel dieser alte Dame ist mir nochmals bewusst geworden, wie wichtig es ist, integrationswillige Menschen aus anderen Ländern willkommen zu heißen. Nicht jeder, der heute zu uns kommt, ist ein Terrorist oder handelt in böser Absicht. Dies sind nur die wenigsten.

Wir alle sind Menschen, die das Recht haben, in vollem Maße akzeptiert und toleriert zu werden, gleich wohl welcher Herkunft oder Abstammung wir sind, solange wir die gesellschaftlichen Normen und Werte des jeweiligen Kulturkreises respektieren. Angesichts des demographischen Wandels und der Überalterung der Gesellschaft sind wir auf eine kontrollierte Migration mit einem klar geregelten Einwanderungsgesetz angewiesen, um unseren Wohlstand langfristig zu sichern. Uns ist scheinbar manchmal nicht mehr bewusst, wie gut es uns geht und fühlen uns durch eine große Welle von Flüchtlingen in einer Art „Kriegszustand“, von den eine der Ursachen in den Exporten der europäischen Rüstungsindustrie liegen.

Die geschilderten Positionen und Ansichten sind natürlich subjektiv und werden dadurch unterschiedlich bewertet. Mit dieser Geschichte möchte ich nur zum Nachdenken anregen, eine Sache, die wir in der schnelllebigen Zeit viel zu selten tun und die vorgefertigten Informationen der Medien aufsaugen, ohne diese kritisch zu hinterfragen. Meinungsfreiheit ist eine wichtige Grundsäule in unserer Demokratie, die gerade in diesen Tagen heftig diskutiert wird.